Einführung

Im Jahr 1991 beauftragte der Gesundheitsforschungsrat eine Arbeitsgruppe mit Prof. Harald zur Hausen, Heidelberg, Prof. Florian Holsboer, München und Prof. Hans-Konrad Selbmann, Tübingen, die mit Bundesmitteln institutionell geförderte nichtuniversitäre Gesundheitsforschung zu erfassen. Ziele waren die Schaffung einer Grundlage für die staatliche Förderung der Gesundheitsforschung, die Charakterisierung der beteiligten Einrichtungen und die Erstellung einer Forschungslandkarte, welche in übersichtlicher Form Einblick in bestehende Aktivitäten gibt. Seitdem sind zwei gedruckte Auflagen dieser Landkarte erschienen. Die vorliegende „Landkarte nichtuniversitäre Gesundheitsforschung“ stellt nun die erste elektronische Version in dieser Reihe dar. Sie wurde in enger Abstimmung mit der „Landkarte Hochschulmedizin“ erstellt, die als Pendant die universitäre Gesundheitsforschung beleuchtet. Der Übergang zur elektronischen Form soll die zukünftige regelmäßige Aktualisierung gemeinsam mit der Landkarte Hochschulmedizin erleichtern.

Die vorliegende Forschungslandkarte umfasst Einrichtungen aus vier Forschungsorganisationen (Fraunhofer-Gesellschaft, Helmholtz-Gemeinschaft, Leibniz-Gemeinschaft, Max-Planck-Gesellschaft) sowie Ressortforschungseinrichtungen des Bundes und entsprechende Ländereinrichtungen. Damit erfasst die Landkarte ein breites Spektrum der sehr heterogenen Gruppe nichtuniversitärer Gesundheitsforschungseinrichtungen in Deutschland. Die erfassten Parameter wurden eng mit der Landkarte Hochschulmedizin abgestimmt, um Vergleichbarkeit zu gewährleisten. Nicht alle Kenngrößen sind über die verschiedenen Gruppierungen hinweg voll aussagekräftig oder vergleichbar. Insbesondere weist die Ressortforschung mit ihrem zusätzlichen öffentlichen Auftrag in den Bereichen wissenschaftsbasierte Politikberatung, Prüfung, Zertifizierung und Zulassung sowie Konflikt- und Krisenmanagement spezifische Besonderheiten auf, die durch diese Kriterien nicht bzw. nicht vollständig berücksichtigt werden können. Auch ist es noch nicht gelungen, alle in diesem Bereich tätigen Forschungseinrichtungen vollständig zu erfassen. Dieses wird in der nächsten Auflage angestrebt.

Im Gegensatz zur universitären Gesundheitsforschung an den medizinischen Fakultäten ist die Abgrenzung zu anderen Forschungsgebieten im nichtuniversitären Bereich schwieriger. Da die Zuordnung von Aktivitäten zum Bereich Gesundheitsforschung wie auch alle erhobenen Daten auf Selbsterklärungen der angeschriebenen Einrichtungen basieren, konnten noch nicht alle Aktivitäten dokumentiert werden. Darüberhinaus wird der Grenzbereich Medizintechnik durch die bewusste Beschränkung auf den Verbund Life Science der Fraunhofer-Gesellschaft nur teilweise erfasst. Eine ganze Reihe von Fraunhofer-Instituten ausserhalb dieses Verbundes forscht in diesem Bereich. Es wird derzeit diskutiert, ob die Medizintechnik bei zukünftigen Auflagen umfassender berücksichtigt werden soll.

Unser besonderer Dank gilt den Mitgliedern der Expertengruppe und den engagierten Mitarbeiterinnen aus dem Deutschen Krebsforschungszentrum, dem Helmholtzzentrum München, dem Bundesministerium für Bildung und Forschung und dem Projektträger.

Wir hoffen, mit dieser Online-Landkarte Wissenschaftlern und Wissenschaftsorganisationen, Entscheidungsträgern in der Politik, Studenten und interessierten Bürgern gleichermassen ein Werkzeug in die Hand zu geben, sich rasch einen guten Überblick über die thematischen Schwerpunkte, den Umfang und die Struktur der nichtuniversitären Gesundheitsforschung in Deutschland zu verschaffen. Da eine regelmässige Aktualisierung und Weiterentwicklung der Landkarte beabsichtigt ist, nehmen wir sehr gerne Kommentare und konstruktive Kritik entgegen.

Otmar D. Wiestler
für die begleitende Expertengruppe
Heidelberg, im April 2009

 

Einrichtungen der Fraunhofer-Gesellschaft

Forschen für die Praxis ist die zentrale Aufgabe der Fraunhofer-Gesellschaft. Die 1949 gegründete Forschungsorganisation betreibt anwendungsorientierte Forschung zum Nutzen der Wirtschaft und zum Vorteil der Gesellschaft. Vertragspartner und Auftraggeber sind Industrie- und Dienstleistungsunternehmen sowie die öffentliche Hand.

Die Fraunhofer-Gesellschaft betreibt in Deutschland derzeit mehr als 80 Forschungseinrichtungen, davon 57 Institute. 14 000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, überwiegend mit natur- oder ingenieurwissenschaftlicher Ausbildung, erzielen das jährliche Forschungsvolumen von 1,4 Milliarden Euro. Davon fallen 1,2 Milliarden Euro auf den Leistungsbereich Vertragsforschung. Zwei Drittel dieses Leistungsbereichs erwirtschaftet die Fraunhofer-Gesellschaft mit Aufträgen aus der Industrie und mit öffentlich finanzierten Forschungsprojekten. Nur ein Drittel wird von Bund und Ländern als Grundfinanzierung beigesteuert, damit die Institute Problemlösungen erarbeiten können, die erst in fünf oder zehn Jahren für Wirtschaft und Gesellschaft aktuell werden.

Niederlassungen in Europa, in den USA und in Asien sorgen für Kontakt zu den wichtigsten gegenwärtigen und zukünftigen Wissenschafts- und Wirtschaftsräumen.

Mit ihrer klaren Ausrichtung auf die angewandte Forschung und ihrer Fokussierung auf zukunftsrelevante Schlüsseltechnologien spielt die Fraunhofer-Gesellschaft eine zentrale Rolle im Innovationsprozess. Die Wirkung der angewandten Forschung geht über einen direkten Nutzen für die Kunden hinaus: Mit ihrer Forschungs- und Entwicklungsarbeit tragen die Fraunhofer-Institute zur Wettbewerbsfähigkeit der Region, Deutschlands und Europas bei. Sie fördern Innovationen, stärken die technologische Leistungsfähigkeit, verbessern die Akzeptanz moderner Technik und sorgen für Aus- und Weiterbildung des dringend benötigten wissenschaftlich-technischen Nachwuchses.

Ein bedeutender Forschungsschwerpunkt bei der Fraunhofer-Gesellschaft ist die Gesundheitsforschung. Mithilfe der Gentechnik und Biotechnologie werden neue Möglichkeiten zur Diagnose und Therapie erforscht. Benötigt wird höhere Qualität zu geringeren Kosten. So entwickeln Fraunhofer-Forscher Verfahren, die dem Chirurgen die präoperative Planung und präzise Durchführung des Eingriffs erleichtern. Erkenntnisse aus der Ernährungs- und Prädispositionsforschung können helfen, Erkrankungen vorzubeugen. Moderne Informations- und Kommunikationstechnik macht das Gesundheitssystem effizienter. Molekularbiologische Methoden und neue Testsysteme helfen, die Wirksamkeit und Toxizität von neu erforschten Arzneien sehr früh zu erkennen.

Namensgeber der als gemeinnützig anerkannten Fraunhofer-Gesellschaft ist der Münchner Gelehrte Joseph von Fraunhofer (1787–1826), der als Forscher, Erfinder und Unternehmer gleichermaßen erfolgreich war.

 

Einrichtungen der Hermann von Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren e.V. (Helmholtz-Gemeinschaft)

Die Helmholtz-Gemeinschaft leistet Beiträge zur Lösung großer und drängender Fragen von Gesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft durch wissenschaftliche Spitzenleistungen in sechs Forschungsbereichen: Struktur der Materie, Energie, Verkehr und Weltraum, Schlüsseltechnologien, Erde und Umwelt sowie Gesundheit. Sie ist mit 28.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in 15 Forschungszentren und einem Jahresbudget von rund 2,4 Milliarden Euro die größte Wissenschaftsorganisation Deutschlands.

Die Helmholtz-Gemeinschaft bietet den Rahmen für die Bearbeitung langfristiger und komplexer wissenschaftlicher Projekte. Dabei kann sie auf interdisziplinär ausgerichtete Fragestellungen, eine große Familie exzellenter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie auf eine herausragende Infrastruktur zurückgreifen. 90% des Zuwendungsbedarfes trägt der Bund, vertreten durch das Ministerium für Bildung und Forschung sowie das Ministerium für Wirtschaft, 10% trägt das jeweilige Bundesland, in dem die Forschungseinrichtung angesiedelt ist. Die Zuwendungsgeber legen, in enger Abstimmung mit Helmholtz-Zentren, Senat und Politik forschungspolitische Vorgaben fest, auf deren Basis die Zentren in 5-Jahres-Abständen die Inhalte ihrer Forschung in strategischen Programmen beschreiben und einem internationalen Review-Verfahren unterziehen.

Der Forschungsbereich Gesundheit nimmt etwa 17% des Gesamtvolumens der Helmholtz-Gemeinschaft ein und teilt sich in die Programme Herz-Kreislauf- und Stoffwechselerkrankungen, Funktion und Dysfunktion des Nervensystems, Infektion und Immunität, Umweltbedingte Störungen der Gesundheit, Systemische Analyse komplexer Erkrankungen, sowie Krebsforschung auf. Der Bereich Gesundheit legt besonderes Gewicht auf drei Kerngebiete: exzellente Grundlagenforschung, Analyse komplexer biologischer Systeme (Systembiologie) und Translation der Forschungsergebnisse in die klinische Anwendung. Dabei greift er auf enge strategische Partnerschaften, insbesondere mit den Universitäten und der Hochschulmedizin, zurück.

 

Wissenschaftsgemeinschaft Gottfried Wilhelm Leibniz e.V. (Leibniz-Gemeinschaft)

Die Leibniz-Gemeinschaft ist ein Zusammenschluss von 86 Forschungseinrichtungen, die wissenschaftliche Fragestellungen von gesamtgesellschaftlicher Bedeutung bearbeiten. Sie stellen Infrastruktur für Wissenschaft und Forschung bereit und erbringen forschungsbasierte Dienstleistungen – Vermittlung, Beratung, Transfer – für Öffentlichkeit, Politik, Wissenschaft und Wirtschaft. Sie forschen auf den Gebieten der Natur-, Ingenieur- und Umweltwissenschaften über die Wirtschafts-, Sozial- und Raumwissenschaften bis hin zu den Geisteswissenschaften. Der Zuwendungsbedarf wird zu je 50 Prozent durch den Bundeshaushalt und durch das jeweilige Sitzland abgedeckt.

Das Gesundheitssystem in Deutschland steht durch den demografischen Wandel und Veränderungen im Lebensstil vor neuartigen Herausforderungen. Die hohe Technisierung der Lebens- und Arbeitswelt des beginnenden 21. Jahrhunderts wirkt sich nachhaltig auf die Gesundheit der Bevölkerung aus. Die Gesundheitsforschung innerhalb der Leibniz-Gemeinschaft stellt sich diesen aktuellen Entwicklungen und schafft mit neuen Erkenntnissen die Grundlage für die Entwicklung von innovativen Diagnoseverfahren, Präventions- und Therapiekonzepten sowohl für die großen Volkskrankheiten als auch für Erkrankungen mit mittlerer und niedriger Häufigkeit. Letztere verursachen zusammen ein Viertel der jährlichen in Deutschland erfassten Sterbefälle.

Innerhalb der Leibniz-Gemeinschaft betreiben derzeit 13 Einrichtungen ausschließlich und 6 anteilig Gesundheitsforschung. Zwei weitere Gesundheitsforschungseinrichtungen sind assoziierte Mitgleider der Leibniz-Gemeinschaft.

 

Die Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e.V.

Die Max-Planck-Gesellschaft ist eine unabhängige gemeinnützige Forschungsorganisation – sie steht seit mehr als einem halben Jahrhundert für exzellente Grundlagenforschung in den Lebens-, Natur- und Geisteswissenschaften. Als "Schmiede für Nobelpreisträger" – 17 Nobelpreisträger hat sie mittlerweile in ihren Reihen – ragt sie weit aus der deutschen Forschungslandschaft heraus. Wie keine andere Wissenschaftsorganisation hierzulande kann sie im globalen Wettbewerb um die besten Köpfe mithalten. Diese Wettbewerbsfähigkeit zählt zu den entscheidenden Standortfaktoren von heute – und erst recht von morgen.

Wissenschaftliche Entdeckungen lassen sich nicht vorhersehen – und vor allem nicht planen. Sie erwachsen aus der Kreativität, dem Engagement und der geistigen Unabhängigkeit von Forschern und Forschergruppen, die sich auf wissenschaftliches Neuland vorwagen. Entscheidende Erkenntnisse, die das Leben der Menschen fundamental verändern, kommen selbst für Fachleute oft überraschend aus der Grundlagenforschung. Dort, wo unser Wissen über die Welt heute endet, an der Schwelle zum Unbekannten, sucht Grundlagenforschung Antworten.

Mehr als 13.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie 7000 Nachwuchswissenschaftler sind an den derzeit 80 Max-Planck-Instituten beschäftigt. Das Jahresbudget beläuft sich auf 1,3 Milliarden Euro und wird je zur Hälfte von Bund und Ländern getragen. An 20 Max-Planck-Instituten stehen die wissenschaftlichen Arbeiten in direktem Zusammenhang mit Gesundheitsforschung. Hier werden die Ursachen von Krankheiten erforscht, Grundlagen gelegt für neue medizinische Verfahren und schließlich sogar neue Medikamente entwickelt. Nicht nur wissenschaftliche Publikationen, sondern auch zahlreiche Patente belegen die Qualität dieser Forschung.

 

Ressortforschungseinrichtungen - Bundesanstalten und Bundesbehörden

Wesentliches Merkmal der Ressortforschungseinrichtungen des Bundes ist die Kombination von Forschung, wissenschaftlichen Dienstleistungen und hoheitlichen Aufgaben für Politik und Gesellschaft. Die Ressortforschung dient der Vorbereitung, Unterstützung und Umsetzung politischer Entscheidungen und ist untrennbar mit der Wahrnehmung öffentlicher Aufgaben verbunden. Dabei fallen die Ressortforschung und die Feststellung des Ressortforschungsbedarfs in den Zuständigkeitsbereich und die Verantwortung des jeweils zuständigen Ministeriums (Ressortprinzip). Die Ressortforschungseinrichtungen sorgen durch die Prüfung, Zertifizierung und Zulassung von Produkten und die Entwicklung der entsprechenden Testmethoden für die Einhaltung angemessener Qualitäts- und Sicherheitsstandards. Die Ergebnisse ihrer Arbeit fließen in staatliche Regelsetzung und Normen ein und leisten einen wesentlichen Beitrag zur Harmonisierung der europäischen und internationalen Rechtsetzung.

Die Grundlagenforschungsthemen der Ressortforschungseinrichtungen richten sich anwendungsorientiert und praxisnah am Bedarf von Politik, Gesellschaft und Wirtschaft aus. Von besonderer Bedeutung sind langfristig vorausschauende Forschungsprojekte mit Blick auf Vorsorgemaßnahmen und Handlungsmöglichkeiten in Krisensituationen als Grundlage für effektive Maßnahmen im Risikomanagement. In diesem Zusammenhang leistet eine Anzahl von Ressortforschungseinrichtungen einen wichtigen Beitrag zur Gesundheitsforschung in Deutschland und Europa. Übergeordnete Themen sind dabei 1.) die Sicherheit, Qualität und Wirkung von Arzneimitteln, 2.) Infektionskrankheiten und neue Risiken für die Gesundheit, 3.) die Gesundheitsprävention und -aufklärung, 4.) die Medizinphysik, 5.) die Arbeitsmedizin, 6.) die Wehrmedizin und 7.) der gesundheitliche Umweltschutz.